Dienstag, 3. April 2018

Alles Open oder was?!? 10 Lessons Learned beim Erstellen von OER

Als ich damals meinen Beitrag für die EDU|days einreichte, hatte ich gerade den E-Learning Champion (Anerkennungspreis) der Universität Graz gewonnen, der 2017 unter dem Motto Open Educational Resources gestanden hatte. Ich war gerade in einer Lehrveranstaltung mit Lehramtsstudierenden der Universität Graz mit dem Titel Zeitgemäßer Fremdsprachenunterricht zwischen Open Educational Resources und offenen Methoden und ich war mir sicher, dass es kein Problem sein würde, 10 Lessons Learned zu formulieren.



Ich hatte mit unterschiedlichen Studierenden-Gruppen schon OER-Projekte durchgeführt: 

  • Die Veröffentlichung eines Buchs Fremdsprachenunterricht 2.0: Good Practices aus Social Media, OER und Co mit Unterrichtsbausteinen unter CC-Lizenz (zum einen zum Thema Social Media im Unterricht, zum anderen zum Thema OER). Das Buch wurde Open Access am Open Access Server der Universität Graz publiziert und kann dort als PDF und e-Book im EPUB-Format heruntergeladen werden. 
  • Die Veröffentlichung von 44 offen lizenzierten Unterrichtsbausteinen zum Thema Das Smartphone im Sprachunterricht, als Produkt eines gleichnamigen fachdidaktischen Seminars an der Universität Graz. Die Studierenden entwickelten als Abschlussarbeit zwei Unterrichtsbausteine zu beliebigen Themen und für beliebige Zielgruppen. Einzige Voraussetzung: offene Lizenz und Zurverfügungstellung in offenem Format. Hier entschieden wir uns für eine Bereitstellung auf meinem Blog. 
  • Im letzten Wintersemester haben die Studierenden Lerntheken (offener Stationenbetrieb) mit mind. fünf Lerntheken unter CC-Lizenz entwickelt. Hier warte ich noch auf die Möglichkeit der Veröffentlichung – ich habe noch nicht alle Zustimmungserklärungen. 
  • In diesem Sommersemester haben wir in einem Seminar über Digitale Kompetenzen im Fremdsprachenunterricht ebenfalls Unterrichtsbausteine entwickelt, die neben den sprachlichen Kompetenzen auch digitale Kompetenzen im weitesten Sinne trainieren sollten. Die Bausteine sind teilweise echt gut geworden und ich warte auch hier noch auf die Zustimmungserklärungen der Studierenden. 

Wieso ich das so ausführlich beschreibe? Weil ich während des Erstellens der Folien gemerkt habe, dass ich weniger Lessons Learned formuliere, sondern vielmehr immer wiederkehrende Aussagen sammle, die mir unterkommen, wenn ich das Thema Open Educational Resources oder allgemeiner Offenheit in der Unterrichtspraxis behandle. 

Ich versuche diese Erlebnisse auch immer wieder in Blogbeiträgen aufzufangen:

Und so möchte ich es auch in meinem, den Beitrag bei den EDU|days 2018 begleitenden, Blogpost halten. Nur dass ich hier den im Vortrag angesprochenen Erste-Hilfe-Koffer öffne und meine 10 (+2) liebsten OER-Werkzeuge vorstellen möchte. 


Quelle: Pixabay (CC0)


OER-Materialien finden

Creative Commons Suchmaschine

Diese Suchmaschine gibt es in einer alten Version und einer neuen Version. Die alte Version hat den Vorteil, dass unterschiedliche Datenbanken (je nach Typ der Ressource) ausgewählt werden können. Die neue Version erstellt teilweise bereits die Attribuierungen richtig, was eine enorme Zeitersparnis ist. 

OERhoernchen

Das OERhoernchen sucht ebenfalls nach offen lizenzierten Inhalten, wobei hier deutschsprachige Angebote im Vordergrund stehen. 

Twitter

Keine echte Suchmaschine, aber für mich die beste Quelle. Wenn man nach Hashtags wie #OER sucht oder Communities wie den #EduPnx folgt, weiß man, wen man – konnektivitistisch gesehen – fragen muss, wenn man Materialien (ob wissenschaftliche oder didaktisierte) sucht. 

Eigene Materialien lizenzieren

Creative Commons: Share your work

Die von Creative Commons zur Verfügung gestellte Webseite Share your work hilft dabei, eigene Materialien frei zu lizenzieren, indem sie die richtigen Fragen stellt. Soll das Material bearbeitbar sein? Soll es unter den gleichen Bedingungen weitergegeben werden müssen? 

Bildungsteiler

Der Bildungsteiler als kleine Schwester des Bildungshörnchens hilft ebenfalls dabei, eigenes Material zu lizenzieren. Die Bedienung der Seite ist intuitiver als jene von Creative Commons und somit für Einsteiger/innen sicher gut geeignet. 

Lizenzhinweisgenerator

Der Lizenzhinweisgenerator hilft beim automatischen Erstellen der richtigen Attribuierung, funktioniert aber nur mit OER aus Wikipedia bzw. Wikimedia. Dafür können auch Bearbeitungen und Ähnliches richtig angegeben werden. 

Meine liebsten Quellen

Bildquellen

Weil mir die geschlosseneren Bildquellen meist auch zu kompliziert sind, suche ich zunächst immer bei Pixabay, Pexels, Unsplash, Open Clipart Library und ähnlichen Anbietern nach passendem Bildmaterial. Natürlich gibt es im Web schon zahlreiche Sammlungen – Sammlung 1, Sammlung 2, Sammlung 3 – die einen Überblick über CC0-lizenzierte Materialien geben. 

Projekt Gutenberg

Gerade wenn es um literarische Beispiele geht, bevorzuge ich das Projekt Gutenberg, weil ich weiß, dass ich die Materialien verwenden darf (auch im schulischen Kontext). 

Wikipedia

Auch wenn Wikipedia keine anerkannte wissenschaftliche Quelle ist, ist sie doch eine erste Inspirationsquelle für Inhalte. Die Texte sind allesamt unter CC BY-SA lizenziert und können verwendet werden. Und: bevor ich sie verwende, lese ich sie durch und überprüfe sie auf Richtigkeit. Dann lassen sie sich auch im Unterricht einsetzen. 

AudioLingua

Die Webseite von AudioLingua stellt Hörtexte für den Sprachunterricht, suchbar nach Sprachniveau (laut Gers), Sprache, Stimme, Länge, Thema uvm. unter CC-Lizenz zur Verfügung. Ich nutze diese Hörtexte gerne, um damit Übungen zu erstellen.


Meine liebsten Werkzeuge

Tutory

Wenn ich Arbeitsblätter suche oder erstellen will, dann suche ich auf bzw. verwende ich Tutory. Nicht nur, dass hier OER groß geschrieben werden, das Baustein-Prinzip hilft mir auch, Arbeitsblätter zu erstellen, die nicht überladen sind und die sich schnell, einfach, unkompliziert erstellen lassen: ohne Formatierungsfrust. 

H5P

Wer gerne interaktive Inhalte erstellt, ist mit H5P gut beraten. Hier lassen sich multimediale Inhalte generieren, die sich als Ergänzung zum Schulbuch im Unterricht einsetzen lassen. Basis ist HTML5, was eine plattformunabhängige Nutzung ermöglicht. 

LicenSeApp

Diese App für iOS und Android ermöglicht es, auf den eigenen Fotos direkt als Wasserzeichen die passende Creative Commons-Lizenz anzubringen. So lassen sich Bilder schnell und unkompliziert teilen. 



Mittwoch, 28. März 2018

Von einer Erfahrung, die mich vor den Studierenden perplex dastehen ließ...

Meine Studierenden an der Universität haben mich zu einem Blogpost inspiriert. Stellen Sie sich folgendes Setting vor: Es ist Montag in der Früh, die Studierenden (vornehmlich relativ am Ende ihres Studiums) haben sich allen Himmelsrichtungen zusammengefunden, um an einer Lehrveranstaltung teilzunehmen (keine Vorlesung, sondern ein Seminar). Sie werden von der Lehrveranstaltungsleiterin begrüßt, eine Gruppeneinteilung wird gemacht und die Studierenden werden mit den Worten: Lesen Sie sich das Kapitel durch. Es sind so zwischen acht und zehn Seiten pro Team. Wir treffen uns in einer Stunde wieder hier, um es zu besprechen. In Wahrheit waren es knapp 20 Seiten…

Didaktisch habe ich beinahe alles falsch gemacht. Und das ganz bewusst. Mir ging es schon auch um den Inhalt der Texte – einen mit der Methode Kugellager durchgeführten Vergleich der Horizon Reports von 2014 bis 2017 – vor allem aber um die Wahrnehmung der Methode, die in geblockten Lehrveranstaltungen nicht selten ist. Nach einer Stunde, als alle wieder im Plenum waren, fragte ich, wie sie die Methode wahrgenommen hätten. Die Studierenden lächelten – sei was Neues, habe Spaß gemacht, sei eine Abwechslung, sie könnten selbst etwas tun… Ich war – sagen wir – perplex. Als ich ihnen dann eröffnete, dass es eigentlich ein Negativbeispiel (ich wollte auf die Vor- und Nachteile des Flipped Classrooms und von Blended Learning-Settings hinaus) sein sollte, rückten sie mit ihren echten Meinungen heraus, dass es sie genervt habe und sie es viel lieber zuhause in Ruhe vorbereitet hätten. Aber die Methode sei wirklich gut gewesen, schließlich seien sie schlimmeres gewöhnt.

Gut, da waren wir. Eine Gruppe Studierender, die im Studium schon weiter fortgeschritten ist, traut sich nicht, die eigene Meinung zu vertreten. Es könnte ja die Note leiden… Nicken in der Gruppe. So funktioniere das System. Nicken in der Gruppe. Man müsse sich arrangieren, man müsse auch herausfinden, was die Lehrenden wollen, danach agieren. Nicken in der Gruppe. Als mich dann eine Studierende fragte, ob sie beim Take Home Exam, bei dem ich explizit nach einer kritischen Meinung zu einem Text gebeten hatte, auch wirklich kritisch sein dürfe und wie weit sie sich von meiner Meinung entfernen dürfe (Hm? Ich hatte meine Meinung eigentlich nie geäußert…), und die Gruppe gespannt lauschte, musste ich meine Bitte-Machen-Sie-Fehler- und Bitte-Seien-Sie-Kritisch-Rede auspacken. Meine Studierenden kennen sie. 

Quelle: Pixabay (CC0)


Was ist das für ein System? Das 4K-Modell des Lernens? Keine Spur davon. Stattdessen: Multiple-Choice-Quizzes. Ja, ich weiß. Ich schwarzweißmale (gibt es das Verb eigentlich – ich könnte ja Google fragen, tu ich jetzt aber doch nicht). Es ist nicht immer so. Aber vielfach werden die Studierenden auf Testformate gedrillt (Training to the Test – Jörn Loviscach berichtet davon) und der Lernerfolg via Bulimielernen erzielt (oder nicht). Vernetztes Lernen? Eher selten. Der Blick über den Tellerrand? Wird kaum gewagt.

Wenn ich dazu das Interview mit Andreas Helmke durchlese, der fünf Kriterien identifiziert, die auf guten Unterricht hinweisen, so frage ich mich, ob an der Hochschule Lehrer/innen gefragt sind. In den Horizon Reports wird in unterschiedlichen Ausgaben immer wieder (2014, 2015, 2016) drauf hingewiesen, dass die Rolle oder der Stellenwert der Lehre in den Hochschulen eher zweitrangig ist. Jetzt nicke ich. Wenngleich es tolle Lehrpreise gibt – beispielsweise den Ars Docendi oder an der Universität Graz gleich zwei Lehrpreise (Lehre: Ausgezeichnet! und Digitale Lehre: Ausgezeichnet!) –, so kenne ich wenige Lehrende die vor den Vorhang treten und sagen: Ich mache gute Lehre und will, dass jede/r sie sieht.

Meine analoge und meine digitale Filterblase unterscheiden sich hier eklatant. Während beispielsweise auf der Seite der Bildungspunks im Zuge der Beitragsparaden tolle Ideen geteilt werden und ich durch Twitter auf neue Methoden und Tools stoße, beispielsweise das Station Rotation Model, das ich unbedingt ausprobieren möchte, so fehlt mir dieser Austausch in der analogen Welt doch immer mehr. Habe ich eine Lösung? Nein! Ich blogge darüber für die digitale Welt und nutze diese Posts auch, um meine Gedanken zu ordnen und über meinen Beruf nachzudenken (wie in diesem Blogpost). Ich versuche, meinen Studierenden ein gutes Vorbild zu sein und sie zu Kreativität und zum Nachdenken zu bringen. Ich trete aber in der analogen Welt auch nicht vor den Vorhang und posaune herum, wie gut meine Lehre ist. Es liegt nicht an mir, dies zu beurteilen.

Dienstag, 27. März 2018

Die Sache mit der Kopie aus dem Schulbuch

tl;dr Das Kopieren, Scannen und Fotografieren von Inhalten aus Schulbüchern für den eigenen Unterrichtsgebrauch ist VERBOTEN.

Ich bin in letzter Zeit im Zuge von Schulungen immer wieder gefragt worden, wie das mit dem Schulbuch und dem Kopieren, Scannen und/oder Fotografieren der Inhalte so ist. Da herrschen so einige Mythen und Missverständnisse – nun bin ich keine Juristin, möchte aber dennoch ein paar Hinweise zum Schulbuch im Unterricht sammeln und in diesen Blogpost einbinden.

Quelle: Pixabay (CC0)

Achtung: Ich beziehe mich ausschließlich auf die Situation in Österreich. 

Zunächst einmal die rechtliche Seite. Das österreichische Urheberrechtsgesetz ist beschäftigt sich nicht nur mit dem Urheberrecht, sondern auch verwandten Rechten, wie den Nutzungs- und Verwertungsrechten. Während man in Österreich (und auch in anderen europäischen Ländern) nicht auf sein Urheberrecht verzichten kann (deshalb war es spannend, ob die Vergabe von CC0-Lizenzen in Österreich erlaubt ist oder nicht), so kann man anderen doch die Verwertungsrechte (z.B. Verlagen) oder Nutzungsrechte (z.B. Kolleginnen und Kollegen) einräumen. Dies ist im Urheberrechtsgesetz klar geregelt. 

Paragraph 42 UrhG


Wenn es um die Verwendung von Inhalten anderer Personen geht, so ist besonders §42 UrhG bzw. §42a-g UrhG interessant; für Unterricht und Lehre im Speziellen §42g. Dieser beschäftigt sich mit dem Bereich „Öffentliche Zurverfügungstellung für Unterricht und Lehre“. Die relevanten Stellen möchte ich nun in Gänze zitieren: 
„(1) Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen dürfen für Zwecke des Unterrichts beziehungsweise der Lehre veröffentlichte Werke zur Veranschaulichung im Unterricht für einen bestimmt abgegrenzten Kreis von Unterrichtsteilnehmern beziehungsweise Lehrveranstaltungsteilnehmern vervielfältigen und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, soweit dies zu dem jeweiligen Zweck geboten und zur Verfolgung nicht kommerzieller Zwecke gerechtfertigt ist.“ (Quelle)

Dieser Absatz würde vermuten lassen, dass ich aus allen Materialien zum Zwecke des Unterrichts beziehungsweise der Lehre“ Materialien nutzen darf, solange: 
  • diese veröffentlicht sind 
  • sie einem abgegrenzten Kreis von Lernenden zur Verfügung gestellt werden 
  • das Ziel ein nicht-kommerzielles ist 
  • es einen „didaktischen“ Zweck verfolgt.
Bilder zu Dekozwecken sind somit ebenso wenig möglich, wie die Veröffentlichung auf einer Plattform, die uneingeschränkt zugänglich ist (z.B. Homepage oder YouTube). Dennoch ist dieser Absatz eigentlich relativ offen. Liest man aber den folgenden Abschnitt durch, so sieht man, dass eine Buchgruppe ausgenommen ist.
„(2) Abs. 1 gilt nicht für Werke, die ihrer Beschaffenheit und Bezeichnung nach zum Schul- oder Unterrichtsgebrauch bestimmt [meine Hervorhebung] sind. Für Filmwerke gilt Abs. 1, wenn seit der Erstaufführung des Filmwerkes entweder im Inland oder in deutscher Sprache oder in einer Sprache einer in Österreich anerkannten Volksgruppe mindestens zwei Jahre vergangen sind.“ (Quelle)
Eine Beantwortung der Frage, wann es sich bei einem Werk um ein für den Schul- oder Unterrichtsgebrauch bestimmtes Werk handelt, hat der oberösterreichische Rechtsanwalt Michael Lanzinger in der Publikation Schulbuch oder kein Schulbuch? – Das ist hier die Frage! Wann gilt ein Buch als Schul- bzw. Lehrbuch iSd UrhG? unternommen. Wer sich unsicher ist, kann in seinem Schulbuch auch mal auf die erste (manchmal die letzte) Seite oder den Einband schauen, denn da findet sich das Vervielfältigungsverbot meist sogar sehr plakativ abgedruckt. 

Das bedeutet also, dass aus Schulbüchern und allen Büchern, die für Lehre und Unterricht bestimmt sind, keine Kopien oder Scans gemacht werden dürfen, auch Fotos dürfen nicht angefertigt werden. Das betrifft also auch Bücher wie Sourire, Ciao oder Smile oder aber didaktisierte Materialien (zu Filmen und Ähnlichem). 

Eine Ausnahme: Ich kann Schulbuchverlage immer um Erlaubnis fragen, ob ich ihre Materialien vervielfältigen und/oder adaptieren darf. Diese Option steht mir immer frei. 

3 Mythen 


Mythos 1: Aber ich darf die Inhalte doch abtippen. 


Naja, hierzu finden sich unterschiedliche Meinungen. Das Amt der Tiroler Landesregierung schreibt, dass das Abtippen erlaubt sei, in Deutschland (Baden-Württemberg) wird extra darauf hingewiesen, dass das Abtippen auch eine Vervielfältigung darstellt (Achtung, die sonstigen Informationen auf dieser Webseite sind aus 2013 – das Urheberrechtsgesetz NEU ist noch nicht berücksichtigt). Geschützt ist zwar die Form und nicht der Inhalt, aber grundsätzlich ist die Struktur eines Satzes oder Textes (d.h. die Anordnung der Wörter und das Zusammenfügen von Sätzen zu einem Text) eine Form und somit urheberrechtlich geschützt. Aber vielleicht irre ich mich hier. 

Mythos 2: 10% darf ich aber kopieren. 


Nein, diese Regelung hat sich auf Deutschland bezogen und in Österreich nicht gegolten. Siehe hierzu auch die deutsche Seite zur Schulbuchkopie (die aufgrund der Urheberrechtsnovelle in Deutschland gerade überarbeitet wird).  Iright.info, eine Webseite zu rechtlichen Fragen, die ich allen sehr empfehlen kann (wenngleich meist der Fokus auf Deutschland liegt), hat die Neuerungen für Deutschland zusammengefasst

Mythos 3: Wir haben das schon immer so gemacht, da kommt es niemand drauf. 


Nur, weil man etwas immer so gemacht hat, heißt das nicht, dass man es auch machen darf. Und nur weil man bislang nicht erwischt wurde, heißt das nicht, dass das auch für die Zukunft gilt. Es gibt für Firmen und Rechtsanwälte hier ein neues Geschäfts- und Betätigungsfeld: Urheberrechtsverletzungen werden explizit gesucht. Was in den USA und auch in Deutschland schon verbreitet ist, kommt in Österreich erst an. Die Fälle werden aber immer mehr. 

Mythos 4: Wenn ich die Quelle angebe, dann reicht das. 


Bei Schulbüchern eben leider nicht. 

Weitere Informationen gesucht?


Wer eine knappe und verständliche Erläuterung zum Urheberrechtsgesetz und vor allem zur Situation in Unterricht und Lehre sucht, sei auf die Präsentationen und Videos von Michael Lanzinger verwiesen, der es schafft, das Urheberrechtsgesetz so zu erklären, dass es auch Laien verstehen.

Paragraph 78 UrhG 


Und auch ein Webdokument der Personalvertretung Pflichtschullehrer/innen, allerdings aus Oktober 2014 möchte ich hier verlinken, weil hier Vieles einfach und schön erklärt wird . Dieses besonders auch, weil hier ein zweiter nicht nur für die Schule sehr wichtiger Paragraph des Urheberrechtsgesetzes, nämlich §78 auch bekannt unter Recht am eigenen Bildnis, übersichtlich erklärt ist (siehe dazu auch eine Webseite einer Rechtsanwaltskanzlei). Dieser §78 ist sowohl in der Erstellung von Materialien für den Unterricht (z.B. Personenbeschreibung im Sprachunterricht) als auch im Umgang mit Schulveranstaltungen, der Schulhomepage, dem Jahresbericht und anderen Bereichen immens wichtig. 

Was ist der Ausweg? 


Wie so oft liegt der Ausweg im Teilen von Inhalten und somit in Open Educational Resources. Ich kann anderen die Nutzungsrechte zu meinen eigenen Materialien einräumen. Wenn mich nun aber jede/r einzeln danach fragen würde, dann hätte ich alle Hände voll zu tun, Erlaubnismails zu schreiben. Wenn ich meine Materialien Creative Commons lizenziere, dann sehen alle auf den ersten Blick, welche Rechte ich ihnen einräume und wie sie mich als Urheberin nennen sollen. Dazu gibt’s auf der Seite von Creative Commons ein einfaches Formular, das man ausfüllen kann. Wenn man unter Helfen Sie anderen, die Namensnennung korrekt vorzunehmen! Auf den blauen Link klickt, kann man auch die sog. Metadaten korrekt eintragen und beispielsweise auf eine persönliche Webseite verlinken, den Namen korrekt eintragen und Ähnliches. 

Quelle: Pixabay (CC0)

Und was Schulbücher als OER betrifft, so geht auch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) in diese Richtung, wie beispielsweise die Machbarkeitsstudie zum Schulbuch als OER zeigt. Wer sich beim Thema Urheberrecht nicht so ganz sicher ist, kann auch eine vom Ministerium zur Verfügung gestellte Mini-Fortbildung (gratis und online) durchführen: Urheberrecht & freie Lizenzen für Lehrkräfte.

Montag, 26. März 2018

Nachlese: Tag der Informatik Fachdidaktik #tdif2018 (Teil 2)


Teil zwei der Nachlese zum Tag der Informatik Fachdidaktik an der PH Steiermark behandelt den zweiten Impulsvortrag von Martin Bauer (BMBWF) zum Thema Digitale Grundausbildung in der Schule. Medienbildung und auch digitale Kompetenzen sind überfachliche Kompetenzen, die in unterschiedlichen Formen, u.a. integrativ in allen Fächern, behandelt werden können. In dieser Keynote wurde uns nicht nur die Wichtigkeit der digitalen Grundausbildung gezeigt, sondern auch eine Vielzahl an Materialien genannt, die uns und unseren Schülerinnen und Schülern dabei helfen können, uns selbst einzuschätzen und unsere digitalen Kompetenzen zu trainieren.

Ressourcen zur und für die Medienbildung

So gibt es beispielsweise die Kompetenzraster von digi.komp für die Klassenstufen 4, 8 und 12 und für Lehrpersonen sowie digi.check als Messinstrument für Lehrer/innen (digi.checkP) und für Schüler/innen (digi.check4, digi.check8, digi.check12). In Zukunft wird es auch digi.check HUM und digi.check HTL geben. Anmerkung: Auf der Seite gibt es auch tolle Cartoons zum Thema Medienbildung unter CC-Lizenz.

Als Fort- und Weiterbildungsangebote gibt es auf der österreichischen MOOC-Plattform iMooX zum einen den #SIMOOC (Das Internet in meinem Unterricht? Aber sicher!) und zum anderen den gerade Anfang März 2018 gestarteten #MeKoMOOC18 (Medienkompetenz in der Lehre). Ersterer beschäftigt sich mit dem sicheren Umgang mit dem Internet im Unterricht, zweiterer beschäftigt sich mit den Medienkompetenzen in der Lehre.

Um seine Kompetenzen zeigen zu können, gibt es für Schüler/innen eine Playmit Urkunde Digital, Lehrer/innen können ihre Kompetenzen über ein digitales Portfolio (#digifolio) sammeln und nachweisen, indem besuchte Fortbildungen dokumentiert werden können.

Als zentrale Fortbildungsinstanz in Österreich ist die Virtuelle Pädagogische Hochschule (VPH) zu sehen, die unterschiedliche Formate (nämlich Coffeecup Learning, eLectures und kooperative Online-Seminare) anbietet. Die VPH war auch maßgeblich an der Entwicklung des digi.kompP, des digitalen Kompetenzrasters für Pädagoginnen und Pädagogen, beteiligt. Dieser Kompetenzraster gibt einen Überblick über notwendige Kompetenzen, die gesammelten Deskriptoren verdeutlichen das breite Feld der genannten Kompetenzen.

Eine weitere wichtige Ressource und Quelle sind die Angebote der eeducation Austria. Nicht nur Konferenzen zum Austausch von Ideen und Praxisbeispielen werden organisiert, beispielsweise gerade jetzt Anfang März die eeducation Praxistage an der PH Linz, sondern auch die Koordination der zertifizierten Schulen. Auch die Eduthek soll mit Mai fertig sein und ein breites Spektrum an Unterlagen und Ressourcen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig soll mit dem neuen eBook+ ein echtes interaktives Schulbuch (mit Videos und interaktiven Übungen) auf den Markt kommen. Nähere Informationen hierzu finden sich beispielsweise auf der Seite des öbv-Verlags.

Meine Gedanken dazu

Die Initiativen des Ministeriums sind, wie man sieht, heterogen – wichtig bleibt die Umsetzung im Unterrichtsalltag. Gerade wenn es um die überfachlichen Kompetenzen geht, besteht mitunter die Gefahr, dass sich niemand zuständig fühlt. Das sei schließlich die Aufgabe der Informatiklehrerin. So wie die sprachliche Bildung Aufgabe des Deutschlehrers sei. Eine falsche Herangehensweise an eine wichtige Thematik. Denn als Lehrperson bin ich Vorbild, von dem die Schüler/innen lernen können und vielleicht auch sollen. Wenn ich korrekte Sprache verwenden, haben die Schüler/innen einen wichtigen sprachlichen Input. Wenn ich digital kompetent bin, bin ich ebenfalls Vorbild. Das beginnt schon dabei, dass ich in Präsentationen nur Materialien verwende, die ich auf Grundlage des Urheberrechts auch wirklich einsetzen darf (übrigens auch einer der Deskriptoren im digi.kompP-Kompetenzmodell). Oder aber dass ich weiß, welche Unternehmen zusammengehören, um zu wissen, wohin meine Daten fließen oder wo sie zusammenfließen (hier ein kleines Quiz dazu aus dem Jahr 2016).


Quelle: Pixabay (CC0)

Mir hat diese zweite Keynote gezeigt, dass ich mit meiner Habilitation in die richtige Richtung gehe. Mir geht es, das ist wahrscheinlich hinlänglich bekannt, um ein Sowohl-als-auch anstelle eines Entweder-oder. Es geht mir aber auch darum, Möglichkeiten zu zeigen, digitale Medienbildung integrativ vermitteln zu können. Social Media lassen sich in den Sprachunterricht sehr einfach integrieren, Mystery Skype ist nur ein praktisches Beispiel. Man lernt in, mit und über Social Media, authentische Lernsettings aus der Lebenswelt der Jugendlichen – die Motivation über den Lehrplan ist nicht schwierig. Und die Wichtigkeit des Themas ist ungebrochen, wie die Diskussionen rund um die Rolle des Faktenwissens in der digitalen Welt und der Verbreitung von Fake News zeigen.

Workshop: Digitale Medien im Unterricht: Methoden, Tipps & Tricks

Den restlichen Vormittag verbrachte ich in einem Workshop von Simone Puff (Zentrum für digitales Lehren und Lernen vormals Akademie für Neue Medien und Wissenstransfer an der Universität Graz) zum Thema Digitale Medien im Unterricht: Methoden, Tipps & Tricks.

Quelle: Pixabay (CC0)

Gleich zu Beginn wurde dabei von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops erfragt, welche digitalen Medien sie im Unterricht einsetzen. Dabei wurden einige wenige Medien genannt, nämlich:


Der Workshop von Simone Puff konzentrierte sich auf zwei Anwendungen, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht gekannt wurden: Hyperdoc als Arbeitsblatt 4.0 und Flipgrid als Discussion Board 4.0.

Hyperdocs ist dabei weniger eine Anwendung als vielmehr ein Konzept zur Erstellung von Arbeitsblättern und Lernsettings, für die man auf der Sample-Seite auch Vorlagen herunterladen und Ideen holen können. Unter dem Hashtag #hyperdocs wird fleißig diskutiert und geteilt. Eine Idee hinter den Hyperdocs ist die Integration von multimodalen Inhalten in den Unterricht, wobei die Schüler/innen zur Kollaboration angeregt werden sollen und auch Kreativität beweisen sollen. Das 4C-Modell des Lernens, wie von der NEA ausformuliert, scheint deutlich durch. Digitales Medium dahinter können Google Docs oder Office Online sein – in Zeiten der Datenschutzgrundverordnung sicherlich problematisch. Meine Alternative: das ZUMpad. Dieses kollaborative, synchrone Echtzeit-Schreib-Pad hat seine Basis in Berlin, bietet zwar weniger Formatierungsmöglichkeiten als andere Werkzeuge, ist dafür aber sehr intuitiv.

Zweiter Tipp war die relativ neue App Flipgrid, die bei den anwesenden Lehrerinnen und Lehrern auf wenig Gegenliebe stieß. Das #twitterlehrerzimmer hingegen hat großen Gefallen an Flipgrid gefunden, wenn man den Hashtag #FlipgridFever verfolgt. Dabei können Schüler/innen kurze Videos aufnehmen und in eine von der Lehrperson angelegte Grid (in ein bestimmtes Thema) hochgeladen werden. Die anderen Schüler/innen können diese Videos mit Videos kommentieren. Auch hier ist der Sitz in Amerika, was in Hinblick auf die Verwendung im Unterricht problematisch ist, zumal die Jugendlichen in den Videos auch zu sehen sind. Zudem gibt es eine zeitliche Beschränkung – die Videos können nur kurz sein.

Besonders wertvoll am Workshop waren zwei Buchtipps, die uns Simone Puff mit auf den Weg gab, nämlich das HyperDoc Handbook sowie Teaching Critical Thinking. Darüber verwies sie auf einige Twitterer, die ich dem #twitterlehrerzimmer ans Herz legen möchte: @teachermomoftwo und @Jeffcoedtech sowie die Webseite von Constructive Amusement (@ConstAmusement), die zahlreiche Comics aus der und für die Lehre (und Forschung) unter CC-Lizenz anbietet.

Was ich mir aus dem Workshop mitgenommen habe?

Die Idee hinter Hyperdocs gefällt mir gut. Ich nutze für Arbeitsblätter aber beinahe ausschließlich Tutory – u.a. auch wegen des OER-Gedankens dahinter. Und da der Sitz des Unternehmens in Deutschland ist, darf ich es auch weiterhin nutzen.

Ich teste gerne digitale Werkzeuge. Ich probiere sie gerne aus. Ich verwerfe sie aber genauso gerne. Jede/r von uns muss jene Tools finden, mit denen er oder sie arbeiten kann. Es geht dabei nicht um die Quantität, sondern die Qualität. Vielleicht ist es ein Werkzeug, vielleicht sind es mehrere. Gut ist, wenn man ein Werkzeug auf unterschiedliche Weisen einsetzen kann. Ich nutze beispielsweise gerne Padlet, das für mich zu einem Alleskönner geworden ist (im Juni halte ich dazu auch ein Globinar). Leider hat auch Padlet seinen Sitz in den USA (Kalifornien), was die Nutzung im Unterricht zukünftig einschränkt.

Google Docs nutze ich zur Zeit ebenfalls (noch), allerdings nur anonym. Die Schüler/innen sind nicht angemeldet, um dennoch Beiträge zuordnen zu können, schreiben die Schüler/innen in farbiger Schrift, diese Zuordnung wird in einer Legende aufgelöst (über die Katalognummer, nicht den Namen).

Aus der Diskussion mit den anwesenden Lehrerinnen und Lehrern nehme ich noch eine Aussage mit, die mich getroffen hat: Lehrer/innen machen mit wenig Ressourcen viel für den Unterricht, weil sie es müssen. Ich kann nur zustimmen, weshalb ich auch gerne den Blick über den Tellerrand in andere Fächer wage und versuche, Ressourcen zu teilen. Neuerdings die Informatik. So haben mein Kollege Gerald Geier (@elgerinio) und ich ein wenig darüber nachgedacht, wie man den OZOBOT, der in den MINT-Fächern schon fleißig eingesetzt wird, auch im Fremdsprachenunterricht einsetzen kann. Hier eine erste Präsentation aus dem Oktober 2017. Dazu schreiben wir gerade einen Beitrag – also: stay tuned!

Donnerstag, 22. März 2018

Nachlese: Tag der Informatik Fachdidaktik #tdif2018 (Teil 1)

[Anmerkung] Ich habe heute versucht, schon während der Keynote und während des von mir besuchten Workshops mitzuschreiben, deswegen ist der nachfolgende Text auch im Präsens gehalten. Weil aber der erste Text schon so lang ist, splitte ich ihn auf.

Die Digitalisierung führt zu einem Systemwechsel der Bildung

(Keynote von Christoph Schmitt @bildungsdesign)

Der Tag der Informatikfachdidaktik beginnt spannend. Dozierende an der PH Luzern sitzen uns, die wir hier in Graz in der Aula der PH Steiermark sind, gegenüber. Der Vortragende Christoph Schmitt ist uns zugeschaltet und startet seine Reise nach Digitalien mit einem für mich als gelernte Literaturwissenschaftlerin schönen Zugang: Vier Metaphern begleiten uns durch den folgenden Vortrag.

Von der Kerze zur Glühbirne

Quelle: Pixabay (CC0)

Die Glühbirne ist keine Weiterentwicklung der Kerze, sondern eine neue Erfindung, die zu einer Beschleunigung der Entwicklung neuer Kulturtechniken führt. Die Medizin, beispielsweise die Operationspraxis hat durch das elektrische Licht eine starke Veränderung durchgemacht. So verhält es sich auch mit der Digitalisierung, wo wir Kerzen durch Glühbirnen austauschen, oder Wandtafeln durch Interactive Whiteboards. Würden wir Digitalisierung so verstehen, würden wir die Entwicklung von der Kerze zur Glühbirne sehen und nicht die umfassenden systemischen Änderungen, die diese Änderung mit sich bringt. Es gibt neue Methoden und Möglichkeiten. Christoph Schmitt bedient sich für die Illustration seiner Aussagen eines schönen GIFs aus der bekannten und beliebten Fernsehserie „The Simpsons“.





Meine Anmerkung: Axel Krommer (@mediendidaktik_) hat sich der Frage des Mediums und der Medienentwicklung in zahlreichen seiner Blogbeiträge angenommen. Die Mehrwertdiskussion wurde von ihm und nicht zuletzt von Gerhard Brandhofer (@rationalekritik) ausführlich behandelt. Besonders treffend erscheint mir aber das Bild, das Christoph Schmitt hier zeichnet: Die Kerze existiert noch immer, wird noch immer in zahlreichen Kontexten eingesetzt und hat ihre Daseinsberechtigung nicht verloren. Die Glühbirne ist koexistent und wird ihrerseits (technisch und gestalterisch) weiterentwickelt. So ist auch die Leitmedientransformation im Gegensatz zum oft postulierten Leitmedienwechsel zu sehen. Wir nutzen nicht ENTWEDER Glühbirne ODER Kerze, wir nutzen beide: SOWOHL als AUCH. Die Entscheidung für das eine oder andere fällt unter Berücksichtigung des Rahmens (der Rahmenbedingungen, Infrastruktur). So sollte es auch im Unterricht sein.

Vom Netz zum Netzwerk

Man fischt sich aus dem Netz etwas heraus, beispielsweise beim Online-Shopping, verlässt das Netz dann aber wieder und ist Teil der analogen Welt. Gegen diesen singulären Einsatz eines Netzes spricht aber die gelebte Praxis: Wir leben aber in Netzwerken – es gibt neben dem Cyberspace auch den Meatspace. Dieser Netzwerkgedanke verändert unsere systemischen Zusammenhänge grundlegend. Wir organisieren unser Leben in Netzwerken, Christoph Schmitt spricht aber von einem Paradigmenwechsel. Wir sollten nicht mehr denken „Was habe ich vom Netzwerk?“, sondern „Was hat das Netzwerk von mir?“. Open Space, Open Access und Open Educational Resources laden zum Teilen ein. Wir kollaborieren in Netzwerken. Offenheit sollte als neuer Code gesehen werden – unsere Kultur öffnet sich zu einer Netzwerkkultur. Dafür müssen aber die Schulen ebenfalls zu Netzwerken werden. Digitale Kompetenzen befähigen uns dazu, uns in digitalen Lern- und Arbeitsnetzwerken autonom fortbewegen zu können. Diese Netzwerke werden nicht vorab von anderen eingerichtet, sondern wir müssen sie selbst einrichten und pflegen. Das ist die Herausforderung aber auch die Chance.

Meine Anmerkung: Ja, George Siemens (@gsiemens) hat diese Vernetzwerkung ja bereits 2004 postuliert („Connectivism“) und auf Twitter gibt es diese gelebten Netzwerke: die Bildungspunks (@Bildungspunks), die #EduPnx, der #relichat (@relichat) und #BayernEdu sind gute Beispiele. Unter diesen Hashtags und beispielsweise unter #twitterlehrerzimmer finden sich zahlreiche Möglichkeiten der Vernetzung, des (gelebten) Austausches und des Teilens. Während ich hier meine Materialien frei teile und tausche, ist dieser Offenheits-Gedanke in vielen Schulen und Hochschulen noch nicht angekommen (siehe hierzu Axel Krommers Beitrag über die Anzeichen der Krise). Systemische Veränderungen eines Teilsystems führen zu Veränderungen aller anderen Systeme, weil sich deren Umwelt ändert. Das hat schon Luhmann (ganz verkürzt) erkannt. Aber manchmal brauchen diese Änderungen einfach ein wenig Zeit und die Aktantinnen und Aktanten innerhalb eines Teilsystems Geduld.

Vom Meatspace zum Cyberspace

Das digitalisierte Wissen lässt sich überall abrufen, ganze Institutionen, wie beispielsweise Bibliotheken, werden in den Cyberspace verlagert. Das schürt immer wieder Angst. Der Meatspace wird dabei aber nicht überflüssig, er bekommt nur eine neue Bedeutung. Der Meatspace ist ein Knotenpunkt, dessen Qualität sich verändert. Die Frage ist, wie sind wir an diesem und mit diesem Knotenpunkt vernetzt. Und wie können wir ihn nutzen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Meine Anmerkung: Abgesehen davon, dass ich schon länger nach der antithetischen Entsprechung von Cyberspace gesucht habe und diese nun gefunden habe, finde ich diesen Punkt besonders wertvoll, weil – so zeigen auch die Fragen aus dem Publikum – das Zwischenmenschliche verlorenzugehen droht, wenn man in ENTWEDER-ODER-Kategorien denkt. Ja, die Kommunikation und Kollaboration im Cyberspace ist eine andere als im Meatspace, aber sie findet dort auch tatsächlich statt. Wir arbeiten gemeinsam online, wir kommunizieren über WhatsApp oder ähnliche Messenger – ich meine – mehr als früher face2face. Die Qualität der Kommunikation hat sich geändert – nach einem kurzen aber heftigen Revival der hieroglyphenartigen Emoji-Sprachkultur hat sich die Sprachnachricht als Kommunikationsform „wieder etabliert“. Sprachnachrichten werden manchmal parallel zu geschriebenen Nachrichten (manchmal diese ersetzend) verschickt. Emotionen lassen sich wieder „hören“. Für das Lernen heißt das, dass vor allem auch die Präsenzzeit im Unterricht anders nutzbar ist, wenn man davon ausgeht, dass viel Lernen auch außerhalb („informell“) der Schule passiert. Flipped Classroom oder Flipped Learning als Konzepte sind in diesem Zusammenhang vielfach etabliert, werden manchmal als Selbstläufer gesehen, was sie aber keineswegs sind. Wichtiger als das Erstellen von genialen Videos ist nämlich die Art und Weise, diese dann im Meatspace zu diskutieren, zu bearbeiten, sich auszutauschen. Das ist die wahre Kunst. Und auch Online-Lernprozesse lassen sich begleiten – wie man in der Online-Tutoren-Ausbildung der Virtuellen Pädagogischen Hochschule (@virtuelleph) lernen kann. Die Qualität der Kommunikation ändert sich, Kommunikation hört nicht auf.

Von der Safari zur Expedition

Brauchen wir heutzutage wirklich einen Piloten? Eine spannende Frage. Vielleicht beim Fliegen, aber nicht in der Schule. Unser Schulsystem ist ein System der Unmündigkeit – wir brauchen, so die Ansicht, einen Piloten, der uns von A nach B bringt. Auch hier ist viel Angst mit im Spiel (Was passiert, wenn der/die pilotierende Lehrende ausfällt?)… Wir Lehrenden müssen uns vielfach autonom und selbstständig zur Digitalisierung befähigen. Wir sollen unsere Lerner/innen zur Selbstständigkeit bringen, sollen sie zu selbstständigen Lernenden machen. Dazu müssen wir aber selbst soweit sein (ohne akademische Ausbildung vielfach). Wir müssen aus der Rolle des/der Transportierten heraustreten und selbst dafür sorgen, dass wir fortkommen. In der digitalen Welt gibt es keine Touristen mehr, die wie in einer Safari zu den zentralen Orten gebracht werden, diese dann „konsumieren“ und weiter geführt werden. Es gibt kein postkolonialisches Vergnügen der Bildung mehr. Sie weicht der Expedition, in der wir alle für unser „Erfahren“ und „Lernen“ selbst verantwortlich sind. Wir sind Entdecker/innen und Entwickler/innen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Meine Anmerkung: Die Prosumer-Bewegung, das Schlagwort „schüler/innen-zentrierter Unterricht“, der Fokus auf die Lernenden sind gut. Aber, solange wir dem Kahoot-Sog verfallen, solange wir die Materialien für die Schüler/innen ausschließlich erstellen, solange das System Bulimielernen unterstützt und Autoritätsdenken in den Vordergrund stellt, so lange werden echte Änderungen schwierig sein. Das Modell der 4Cs wird immer wieder – beinahe schon im Buzzword-Bingo-Stil – verwendet, um etwas zu unterstreichen, dass ich für grundlegend und zentral halte (egal ob im Cyberspace oder im Meatspace): Wir müssen allgemein vier Fähigkeiten besitzen: Wir müssen kommunizieren können, wir müssen kollaborativ zusammenarbeiten können, wir brauchen Kreativität, um u.a. auch alternative Lösungswege zu finden, und brauchen dabei die Fähigkeit, kritisch zu denken, ich würde aber auch meinen kritisch zu bewerten und zu hinterfragen. Gerade die Kreativität und das kritische Reflektieren werden uns systemisch aberzogen. Kinder sind in ihrem Lernprozess nicht nur neugierig, wenn ihnen etwas seltsam vorkommt, dann fragen sie nach. In welchem Verhältnis steht dies zur Vorliebe für behavioristische Prüfungsformate? Kahoot wird immer wieder genannt, ist aber nur ein Beispiel. Bulimielernen ist an der Tagesordnung. Erst neulich haben mich Studierende gefragt, wie kritisch sie sein dürfen. Aufgabe war das Erstellen einer kritischen Reflexion zu einem Text. Es gehe schließlich um die Note, meinten sie (dazu blogge ich aber noch separat). Klar ist es schwieriger, „eigene Meinungen“ zu „beurteilen“. Aber unser Ziel sind doch mündige, selbst denkende und selbstständige Mitbürger/innen.

Der Keynote-Speaker Christoph Schmitt bloggt im Übrigen unter Lernen in Netzwerken. Eine Skizze zur Zukunft des Lernens. Nach der Keynote für mich eine absolute Leseempfehlung – nicht nur für das #twitterlehrerzimmer.


Nicht minder interessant sind die Fragen aus dem Publikum, die anschließend gestellt werden.

Wie wichtig ist das Wissen im Kopf, wenn wir alle digitale Devices haben?

Christoph Schmitt erzählt von einem Schüler der Generation Z, der ihm auf die Frage geantwortet hat, dass durch das Auslagern des Wissensspeichers viele Ressourcen frei geworden seien. Es gibt eine Lösungskreativität, Ressourcen um sich zu ordnen.

Ich sehe es ja ein wenig wie Lisa Rosa (@lisarosa), die mir auch prompt auf Twitter noch geantwortet  und mich auf einen ihrer Blogbeiträge hingewiesen hat: Es ist nicht das Wissen, das im Netz zu finden ist, sondern es sind Daten und Informationen. Diese in den passenden Kontext zu stellen, ist die wahre Aufgabe und Herausforderung, denn so werden sie zu Wissen. Ich bin der Meinung – und hatte mit Martin Lindner (@martinlindner) und Philippe Wampfler (@phwampfler) dazu eine angeregte Diskussion auf Twitter –, dass ich gerade für die Suche im World Wide Web wissen muss, wonach ich suche, um es auch zu finden.

Hier der Anfang der Diskussion - man kann sie auf Twitter nachlesen.

Wenn ich also nicht weiß, dass es eine Zinnie gibt, dann kann ich mich nur mit Hilfskonstruktionen wie „rote Blume“ und „Sommer“ beispielsweise behelfen. Ich brauche die Begrifflichkeit. Wenn ich nicht weiß, dass es ein Smartphone gibt, dann kann ich ebenfalls nicht danach suchen. Klar, finde ich beim Suchen dann andere Begriffe und vielleicht finde ich dann beim Lesen eines Zeitungsartikels zufällig das, wonach ich gesucht habe. Das ist dann aber kein konkreter Akt des Suchens, sondern ein inzidentelles Finden, in Analogie zum inzidentellen Lernen, das ich übrigens für sehr wichtig halte (beispielsweise beim Suchen eines Begriffs in einem Blätter-Wörterbuch). Ich freue mich hier schon auf Philippe Wampflers Blogbeitrag. Er ist anderer Meinung und bloggt dazu – ein großer Vorteil des #twitterlehrerzimmers. Neben der Begrifflichkeit brauche ich aber auch ein Wissen über mein Netzwerk. Ich muss meine Knotenpunkte einschätzen können, sie kennen, sie kritisch betrachten. Wenn ich nach Rezepten suche, dann kann ich beispielsweise u.a. folgende Wege (Auswahl willkürlich getroffen!) gehen:
  • eine Zeitung durchblättern und hoffen, dass dort ein Rezept abgedruckt ist (möglich, aber nicht mein Zugang, weil nicht effizient genug und möglicherweise auch nicht effektiv).
  • eine Kochzeitung durchblättern (digital oder analog)
  • eine Rezeptsammlung direkt durchsuchen nach einem Begriff
  • eine Rezeptsammlung direkt durchsuchen nach den Zutaten, die ich im Kühlschrank habe (oder auf die ich Lust habe)
  • eine reale Person (Mutter, Vater, Oma, Mann/Frau…) fragen, ob sie für mich kocht
  • eine reale Person (Mutter, Vater, Oma, Mann/Frau…) fragen, was sie kochen würde
  • eine Kochsendung ansehen
Es gibt noch viele Möglichkeiten, die ich hier wählen kann. Ich wähle, je nach Rahmenbedingung jene, die für mich passt (u.a. habe ich Zugang zum Internet, zu Kochbüchern, zu realen Personen).

Welche Rolle spielt die zwischenmenschliche Beziehung in Digitalien und geht diese nicht verloren?

Ein klares Nein des Referenten lässt uns alle aufatmen. Aber klar: Menschen begegnen sich nicht nur am Bildschirm – wir lernen weiterhin auch im Meatspace voneinander weiterhin. Schon wieder so ein SOWOHL-als-AUCH-Ding. Für Lehrer/innen bedeutet das, dass sich ihre Rolle ändert oder ergänzt. Wir brauchen nämlich Menschen, die andere Menschen begleiten, in Hinblick auf die Beschäftigung mit Beziehungsarbeit. Das ist auch heute schon wichtig. Und der Referent meint dazu – nicht gerade unprovokativ: Das müssen aber keine Lehrer/innen sein beim Lernen.

Denken unsere Smartphones dann auch kritisch für uns?

Auch hier eine klare Antwort des Referenten: Nein. Es gibt Fake News, Halbwahrheiten und ähnliche Phänomene. Ich möchte hier auf Ingrid Brodnig (@brodnig) verweisen, die dazu schon bei den eeducation Praxistagen eine spannende Keynote gehalten hat und auch auf den #EDUdays zu Gast sein wird. ABER: Wo lernen die Schüler/innen das kritische Denken? Oder vielmehr die Reflexionsfähigkeit zur Quellenkritik? Welchen Quellen kann ich vertrauen? Gibt es nicht ein Autoritätsdenken vom Typ: Was in der Zeitung xy gedruckt steht, muss auch stimmen? (Man füge hier je nach Land die eine oder andere Zeitung an – dieses Phänomen gibt’s in allen Ländern. Die oft zitierten 4C sind ein Gedanke, der auch hier wieder aufkommt und der Basis eines Zugangs zum Lernen und Verhalten im 21. Jahrhundert sein sollte (und kein Bulimielernen mit Kahoot und Co). Und eigentlich schon immer hätte sein sollen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Schließlich noch ein Webtipp von Christoph Schmitt, den ich nicht vergessen möchte: der Learning Circle der Mozilla Foundation und die Web Literacy Materialien der Mozilla Foundation, die interessante Handreichungen sein können. Ob sie es für einen persönlich sind, muss jede/r für sich selbst entscheiden -auf Basis des eigenen Netzwerks und der individuellen Rahmenbedingungen. Luhmann hätte vielleicht von einem System gesprochen. Aber das ist eine andere Geschichte...